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Weniger ist mehr

1842 wurde Mutter M. Cherubine Willimann, mit Taufnamen Josefa, in Rickenbach LU geboren. Ihr Weg führte sie nach Arenberg bei Koblenz, wo sie zur Gründerin der Ordensgemeinschaft «Kongregation der Arenberger Dominikanerinnen» heranreifte. Mehr als 100 Jahre später wagten drei Schwestern einen Neuanfang in Rickenbach. Heute leben zehn Schwestern im Kloster. Gäste können hier einen ruhigen Ort für eine Auszeit entdecken und Pensionärinnen ein geborgenes Zuhause für ihren Lebensabend. CKW hat sich mit Schwester Scholastika, Noviziatsleiterin und Priorin des Klosters, über Einfachheit und Komplexität unterhalten.
  Das Geschäfts-
kundenmagazin von CKW

CKW: Was verbinden Sie mit Komplexität?

Schwester Scholastika: Komplexität, das ist einerseits Reichtum und die
Vielfalt menschlichen Lebens. Andererseits aber auch die Herausforderung,
damit umgehen zu können, ohne dass Druck entsteht.
Wir Menschen spezialisieren uns heute immer mehr. Das erfordert ein immensesVerständnis. Dieses Verstehen hat weniger mit Intelligenz zu tun
als vielmehr mit Weisheit. Es geht darum, Zusammenhänge zu verstehen,
mit komplexen Gefügen umgehen zu können und damit Leben zu gestalten.

Und es ist wichtig dabei zu erkennen, dass man ein Teil des Ganzen ist. 
Gelingt einem das nicht, präsentiert sich das komplexe Gebilde wie ein Klotz, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Die Kunst ist es also, sich aneinander zu bereichern und damit die Vielfalt zu wahren, ohne Konkurrenten zu werden.

Wie komplex oder wie einfach ist das Leben in einem Kloster?


Auch eine Ordensgemeinschaft ist komplex. Wir sind zu zehnt und haben uns nicht ausgesucht. Auch wir
müssen einen Weg finden, um gut miteinander leben zu können. 
Im Hinblick auf das Gemeinschaftsleben kann man sagen: Das klösterliche Leben war schon immer ein einfaches Leben. Und auch ein weises Leben. Trotzdem versuchen wir, noch einfacher zu werden und die Ressourcen noch besser zu nutzen.
Askese ist in letzter Zeit zu einem Modewort geworden. Mit Askese ist jedoch nicht eine Verzichtshaltung gemeint. Ich glaube, kein Mensch kann sein Leben auf Verzicht aufbauen, ohne unglücklich zu werden. Es geht vielmehr darum, sich in der Unterscheidung zu üben: Was brauche ich wirklich zum Leben – und was will ich aus einer Konsumhaltung heraus einfach nur haben. Das Gelübde der Armut hilft, wegzukommen von diesem Haben-Prinzip und in das Sein hineinzuwachsen.

 

Immer mehr Menschen haben ein Interesse daran, eine Auszeit in einem Kloster zu nehmen, um Ruhe zu finden. Was ist Ihre Erfahrung? Wie kann ein Kloster diesen Wunsch unterstützen?

Viele Menschen, die ein Kloster besuchen, sehnen sich nach Stille. Nach der Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Zu entschleunigen. Doch wenn jemand aus einem komplexen Beruf kommt, es gewöhnt ist, viele Dinge parallel zu tun – zu telefonieren und gleichzeitig E-Mails zu beantworten –, und darüber hinaus auch privat sehr eingespannt ist, kann er nicht von Hundert auf Null herunterfahren. Die ungewohnte Stille könnte sogar das Gegenteil bewirken und Angst auslösen.
Ich habe festgestellt, dass sich Menschen, die aus einer solchen Situation heraus kommen, leichter tun, wenn sie eine Begleitung erfahren. Ihnen hilft es beispielsweise, mit der Stille besser umgehen zu können, wenn der Tag eine Struktur bekommt.
Ein erster hilfreicher Schritt ist die schöpferische Ungleichzeitigkeit. Nicht alles zusammen machen, sondern eines nach dem anderen. Im Buddhismus gibt es die Geschichte, in der jemand einen Mönch fragt: «Warum lebst du so ausgeglichen? Warum strahlst du soviel Ruhe aus?» Darauf antwortet der Mönch: «Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich.» Darauf entgegnet der Fragende: «Das mache ich auch.» – «Nein», erwidert der Mönch « wenn du gehst, dann läufst du schon wieder, und wenn du isst, dann bist du schon wieder am Denken.»
Das Kloster kann also eine Einladung sein, wieder mehr nacheinander zu tun und dadurch mehr im Augenblick zu leben.